Projekt Feldarbeit: Erst gefragt, dann geholfen

Eigentlich soll es morgen losgehen. Ich sitze vor der Hütte des Bürgermeisters und beobachte nervös, wie er den Fragebogen zu den Bedürfnissen der Dorfbevölkerung mit skeptischem Blick Seite für Seite einer Prüfung unterzieht. Wenn er jetzt „Nein“ sagt, war die ganze Arbeit umsonst: die Beratungen mit den kambodschanischen Kollegen, die Schulung des Teams für die Durchführung der Interviews und die endlosen „Konferenzen“ in unserem Stamm-Internetcafé in Phnom Penh. Endlich ist der Bürgermeister auf der letzten Seite angekommen und spricht mit steinerner Miene in Richtung Sovann, der für mich übersetzt und mit gleichermaßen unbewegtem
Blick zu Boden starrt. „Das wird nichts“, denke ich, als ich die ernsten Gesichter der beiden betrachte. „Er hält es für eine großartige Idee und wird uns unterstützen.“ Wie bitte? Ich muss Sovann bitten, den Satz zu wiederholen, dann verstehe ich: Völlige Gefasstheit gehört in Kambodscha zum guten Ton. Ich muss mich sehr bemühen um ihm mit entsprechender Würde zu danken. Morgen geht es los!


Katrin, Kungkea und Visal befragen die Familien des Dorfes Tropang Sdock zu ihren Bedürfnissen (click&zoom)
Wie können deutsche Entwicklungshelfer wissen, was kambodschanische Reisbauern brauchen? Sie fragen sie einfach. Das haben wir im Sommer 2005 gemacht. Dabei war auf keine Frage der Studie die Antwort so eindeutig wie auf diese: „Gibt es einen Gegenstand, der entscheidend dazu beitragen würde, Ihre Arbeit zu verbessern?“ - „Ja,“ hieß es aus den etwa 120 Familien, „wir brauchen dringend einen Karren, einen Pflug oder eine Bewässerungspumpe.“

In Tropang Sdock besitzen 80% der Dorfbewohner landwirtschaftliche Flächen. Große Teile des Jahres arbeiten Familienmitglieder und Freunde auf diesen Feldern. Die Sorge um eine gute Reisernte verbindet alle, denn mit den Erträgen werden Lebensmittel gekauft, Schulbücher gekauft und Schulden getilgt. Reis ist für jede Familie Arbeit und Lebensgrundlage zugleich.

Wie wichtig eine Steigerung der Erträge ist, wird durch die Studie klar: Für die Saat werden Schulden gemacht, mit deren Tilgung ein Großteil der Ernteeinnahmen verloren geht. Was bleibt, muss die Familie für den laufenden Unterhalt ausgeben – keine Chance, Geld zu sparen und sich von den Krediten zu lösen. Daher ist es notwendig, den Acker effektiver zu bewirtschaften. Nur so können sich die Familien dauerhaft in eine Lage versetzen, in der sie Erträge erwirtschaften, die höher sind als die Lebenshaltungskosten.

Es herrscht kein Mangel an Arbeitskraft oder Anbaufläche. Woran es bislang fehlte, waren funktionstüchtige landwirtschaftliche Geräte. Für die Familien der Umgebung stellt das Geräteverleihprojekt die Chance dar, das bestehende Missverhältnis zwischen Arbeitszeit und Ernteertrag auszugleichen.

Sorya stellt dem Dorf alle wichtigen Geräte für die Feldarbeit zur Verfügung. Den Verleih der Pflüge und Karren übernimmt die Dorfgemeinschaft selbst: Die Familien entscheiden gemeinsam, welcher Acker als nächstes gepflügt wird, wo man die Ernte einfahren muss und auf welchen Feldern die Bewässerungspumpen gebraucht werden. Auf diese Weise fügt sich das Projekt harmonisch in das bestehende Netzwerk aus nachbarschaftlicher Hilfe und gemeinsamer Feldarbeit.

Wir wünschen unseren Freunden in Tropang Sdock reiche Ernten und Erträge, mit denen sie nicht mehr die Saat von gestern bezahlen müssen, sondern Pläne schmieden können für die Zukunft.